Unter Strom…

Mit Spannung habe ich das Wochenende 13./14. Mai 2017 herbeigesehnt, ich denke, meinem Freund Matthias ist es nicht anders gegangen: 

Zunächst es ging es vordergründig darum, Matthias Geburtstagsgeschenk zu seinem 50. Geburtstag vor ein paar Jahren zu realisieren, nämlich eine Tagesfahrt mit einem Elektroauto. 

Im Fokus stand eigentlich ein BMW i3, der aber irgendwie nicht wirklich ohne Aufwand zu mieten war. Die schon von der Papierform mangelnde „Performance“ des BMW hinsichtlich der Reichweite, verbunden mit dem Image des „Zweitwagen“ für die Zahnarztfrau hatte mich an diesem Vorhaben schon zweifeln lassen. Gegen ein „Upgrade“ seines  Geburtstagsgeschenkes, nämlich einer Fahrt mit einem Tesla hätte Matthias nichts einzuwenden gehabt, allerdings hat sich auch hier das Mieten als nicht einfach dargestellt… 

Im Zusammenhang mit der Werbung von Renault, dass der Renault ZOE –steht für „Zero Emission“ – nach einem „technischen Facelift“ über eine 40 kWh-Batterie und damit eine theoretische Reichweite von ca. 400 km verfügt, fiel die Wahl auf eben dieses meinem Empfinden nach eher hässliche, aber nach erstem Eindruck wohl „zu Ende gedachtem“ Fahrzeug.

Um es vorweg zu nehmen: Es ist „zu Ende gedacht“, ein völlig alltagtaugliches Fahrzeug mit einem „Fahrcharme“, der selbst eingefleischten Autoignoranten wie meiner Freundin ein Lächeln auf das Gesicht zaubert…! 

Wie kommt man zu dieser Überzeugung? 

Zunächst fühlt man sich nach kurzem Anfreunden in dem ZOE sofort wie zu Hause und wird sofort „eingefangen“ von der katzenhaften Lautlosigkeit und Leichtigkeit des ZOE ! 

Bei der Übernahme des ZOE am Freitag hatte ich zunächst einen Termin in Hamburg wahrzunehmen und habe dann auf der Autobahn zwischen Lüneburg und Hamburg das gemacht, was dem Vernehmen nach überhaupt nicht die Domäne des Elektroautos ist: „Bleifuß“ gefahren ! 

Das stört den ZOE überhaupt nicht, trotz seines Übergewichtes beschleunigt er auch noch bei Geschwindigkeiten von 100 km/h eher willig und erreicht recht zügig seine „abgeregelte“ Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h. Im Bereich unter 100 km/h ist er „wieselflink“ und jedem gleich motorisierten Fahrzeug mit Verbrennungsmotor gefühlt und augenscheinlich überlegen. Unser Opel Corsa, durchaus vergleichbar motorisiert fühlt sich an wie mit dem legendären Anhänger mit nassem Kies…! 

Die „aggressive“ Fahrweise quittiert der ZOE wie ein „Verbrennerfahrzeug“ mit einem überhöhten Verbrauch: von der angezeigten Reichweite von 300 km/h verbrauche ich durch meine Fahrweise fast 200 trotz real nur gefahrener 120 Kilometer! Es verbleiben immerhin noch 100 Kilometer Restreichweite in der Batterie. Über Nacht, an der häuslichen Steckdose wieder vollgeladen, wendet sich das Blatt für den nächsten Tag: 

Matthias beginnt die Fahrt mit wiederum angezeigten 300 Kilometer Reichweite, meine Fahrweise vom Vortag lässt grüßen, der ZOE hat sich im Bordcomputer erstmal den hohen Durchschnittsverbrauch des Vortages gemerkt. 

Matthias ist nicht nur als Hybridfahrzeugfahrer, sondern auch von seinem Habitus der ideale Elektrofahrzeugfahrer: „gechillt“ brechen wir auf in Richtung Dömitz und durch Matthias ruhige, „laufen lassende“ Fahrweise haben wir nach 50 Kilometern fahrtstrecke  aus den angezeigten 300 Kilometern schon ca. 340 „gezaubert“. Jedes Bremsen, jedes „rollen lassen“, die „Talfahrten“ auf der Elbuferstraße bringen zuvor verbrauchte Energie zurück und laden den Fahrakku wieder auf. Die Ladeleistung lässt sich im Display ablesen und variiert zwischen 2 und 15 kW! 

In Dömitz hat sich unsere Restreichweite auf immer noch stattliche 270 Kilometer reduziert. 

Eigentlich wollten wir „versuchsweise“ in Dömitz nachladen, zum einen ist das aber nicht nötig, zum anderen gibt es die in einer älteren „Charge-App“ am Hotel Hafen Dömitz noch verzeichnete Ladestation nicht mehr! Der ZOE zeigt selbst die nächsten verfügbaren Ladestationen an, die befinden sich aber tatsächlich weit weg, das Wendland ist auch in dieser Hinsicht ein eher weißer Fleck auf der Landkarte…! 

Nach einer Kaffeepause entzückt uns ein „Nebeneffekt“ des effizienten Wärmepumpen-Kühl- und Heizsystems des ZOE: Ein Druck auf die Fernbedienung setzt die Lüftung und die Klimaanlage in Gang und das Auto erwartet uns „vorgekühlt“ ! 

Das geht natürlich zu Lasten der Reichweite, solange der ZOE an seiner Ladestation hängt, ist aber das „Vorheizen und Vorkühlen“ nicht zum Nachteil der Reichweite. „Der Fahrtag“ schließt eindrucksvoll mit einer Restreichweite von 170 Kilometern, insgesamt wären wir also fast 340 Kilometer weit gekommen. Der Durchschnittsverbrauch von ca. 12 Kilowattstunden auf 100 Kilometern entspricht gerade mal etwa dem Energieinhalt von einem Liter Benzin, was eindrucksvoll die Effizienz eines Elektroantriebes und seiner Energierückgewinnung beim Bremsen und Rollen darlegt! 

Die Rückfahrt am linken Elbufer verleitet Matthias zu einer etwas zügigeren Fahrweise, der bisherige gute Durchschnittsverbrauch verändert sich dadurch aber nicht nachhaltig ! 

Gut, die Bedingungen waren temperaturmäßig optimal für eine Antriebsbatterie, im Winter wird sich die realistische „Sommereichweite“ von ca. 300 Kilometern laut Auskunft auf 200 Kilometer reduzieren, damit liegt der ZOE aber auch ohne Nachladen immer noch uneingeschränkt in dem Radius, der unser regelmäßigen Nutzung im Büro und privat entsprechen würde. Nachladen kann man wie gesagt an einer normalen Haushaltssteckdose, das ist aber sehr langsam; für das Laden im Büro wäre die üblichen 22 kW-Ladestation sinnvoll, die dann den ZOE selbst bei völlig entleertem Akku in nur wenig mehr als zwei Stunden wieder auflädt. 

Kurzum: Der ZOE ist richtig geil! Im Vergleich dazu, was derzeit andere Hersteller, insbesondere die deutschen Hersteller abliefern, scheint der ZOE aus einer anderen Welt!

Mittlerweile ich kenne ich zwei ehemalige Golf E Besitzer, die ihren elektrifizierten Golf wegen mangelnder Alltagstauglichkeit nach nur kurzer Zeit wieder „weggegeben“ haben…!

Das Genöle, wenn VW, BMW und Co. den Anschluss an die Realität wirklich verloren haben, wird sich wohl nicht nennenswert von dem derzeitigen arroganten Belächeln derjenigen, die es „einfach machen“ unterscheiden…! 

Vorläufiger Zenit der Arro- und Ignoranz ist die Absage der deutschen Industrie an Tesla, sich an deren mittlerweile sehr dichtem und leistungsfähigem Ladestationsnetz zu beteiligen…! 

Neben der überaus eindrücklichen Fahrt mit dem ZOE hatte der Ausflug an sich noch viel zu bieten: 

Immer wieder sind beide Elbuferstraßen (rechts Ufer / linkes Ufer) ein tolles Erlebnis! 

In Dömitz haben wir neben dem Kaffee im Hotel Hafen Dömitz mit Blick über die gesamten Elbtalauen noch die Festung Dömitz besucht und ein weiteres „eindrückliches“ Erlebnis gehabt: Das mystisch anmutende Quaken der im Festungsgraben heimischen Rotbauchunken! Zunächst kann man sich die Herkunft des „Geräusches“ kaum erklären, dann denkt man an einen im Wind wackelnden Blecheimer, um dann auf einem Hinweisschild zu lesen, was man da tatsächlich gerade hört. 

Neben der Festung Dömitz besuchen wir noch die Wanderdüne bei Klein Schmölen unweit von Dömitz und werden von einer „in dieser Ecke“ unwirklich anmutenden Landschaft überrascht : wer erwartet unweit des flachen Elbtals schon eine „veritable“ kiefernbestandene Dünenlandschaft ? Ein weiter Blick ins Land, ein im Dünensand beschwerlicher Spaziergang, eine „Geruchsmelange“ aus Elbe, Wiese, Düne, Kiefernwald und Kühen „rundet“ das Erlebnis ab…

Wer solche „Ecken“ in der Nähe hat, braucht nicht in Urlaub zu fahren !

Erfreulicherweise verirren sich selbst in der „Hauptreisesaison“ irgendwie eher wenig Menschen in diese Region und so kann und man diese geniessen, ohne sie mit nölenden Kindern mit hackfressigen urlaubsgenervten Ehe- und Elternpaaren und den obligatorischen „Rentnergangs“ teilen zu müssen…!

Die Eindrücke vom Wochenende :

Voll elektrisch : Unser geliehene „ZOE“, einmal von außen, zweimal von innen mit „volldigitalem“ Cockpit…

Impressionen aus Dömitz und  „um zu“…

Das „Quaken“ der Rotbauchunken im Burggraben der Festung in Dömitz, leider auch mit Windgeräuschen…                          

 

 

2 Gedanken zu „Unter Strom…

  1. Quak! Sehr schöner Eintrag. Und interessante Informationen. Ich glaube der Elektroantrieb steht „an der Kippe“: Noch ein bisschen mehr und die Marktwirtschaft wird Unmengen an Ladestationen und damit verbundenen Dienstleistungen (Besuchen Sie unseren Rasthof, Freizeitpark, Einkaufszentrum und laden Sie kostenlos/günstig …etc.etc.) produzieren. Und dann werden mehr Elektroautos verkauft, die werden billiger, es fällt den Leuten auf, dass die Wartung viel billiger und einfacher ist. Dank Rekuperation halten sogar die Bremsen ewig. Ölwechsel? Zündkerzen? Zahnriemen? Kühlwasser? Wasserpumpe? Ventilspiel? Brauchst du nicht mehr zu beachten. Selbst wir alten Säcke werden noch sagen: „Weißt du noch, die schönen Turbodiesel? Das war noch mechanische Ingenieurskunst…“

  2. Moin Reinhard,
    ja, echt wieder mal ein sehr guter und schön zu lesender Beitrag. Mich erfreut Dein Entdeckergeist immer wieder. Neben den Erfahrungen im Auto mit Stealth-Mode die Unken zu bemerken (Quaken hier gerade in Dauerschleife im Hintergrund). Ich schließe mich dem Beitrag oben uneingeschränkt an. Die Elektrifizierung wird wohl kommen. Nun brauchen wir „nur“ noch eine Quelle für die ausreichende Menge an „überschüssigem Strom“, den es leider momentan nicht wirklich in nennenswerter Menge gibt.
    Mensch – ich möchte auch solche Unken im Garten haben 🙂
    Liebe Grüße,
    Ralph

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